Das Konzept der chronischen traumabezogenen strukturellen Dissoziation der Persönlichkeit geht zurück auf das Konzept der Dissoziation von Pierre Janet (1859–1947) und wurde von dem ForscherInnenteam Onno van der Hart, Ellert Nijenhius und Kathy Steele weiterentwickelt.
"Das System der Persönlichkeit kann verstanden werden als aus verschiedenen psychobiologischen Zuständen oder Subsystemen bestehend, die auf kohäsive Weise und koordiniert ihre Funktion erfüllen." ("Das verfolgte Selbst"; van der Hart, Nijenhuis, Steele, 2008)
Das Konzept der strukturellen Dissoziation betrachtet Dissoziation als Unterbrechung einer Verbindung, die die bewusste (reflektierte) Wahrnehmung von sich und der Welt, der Bedeutungsgebung und des Handelns betrifft. Die dissoziative Teilung geschieht nicht zufällig, sondern entlang bestimmter Strukturen innerhalb der Persönlichkeit (psychophysiologische Handlungssysteme).
Gewalt- und Bindungstraumatisierungen führen danach zu einer dissoziativen Aufteilung der Persönlichkeit entlang dieser psychophysiologischen Handlungssysteme, wenn die Notwendigkeit besteht, diese Systeme über längere Zeit andauernd gleichzeitig nutzen zu müssen. Ein Persönlichkeitsanteil regelt dabei scheinbar ganz normal Aufgaben im Alltag, während traumatisierende Erlebensqualitäten (Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen, Sinneswahrnehmungen, Verhaltensmuster) fragmentiert in andere Persönlichkeitsanteile dissoziiert sind.
Das Konzept der chronischen traumabezogenen strukturellen Dissoziation der Persönlichkeit beschreibt eine Dreiteilung (primär, sekundär, tertiär), der traumabezogene dissoziative Störungen ihrem Schweregrad entsprechend zugeordnet werden:
- Die einfache posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entspricht der primären traumabezogenen strukturellen Dissoziation mit einer dissoziativen Aufteilung der Persönlichkeit in einen anscheinend normalen Persönlichkeitsanteil (ANP) und einen emotionalen Persönlichkeitsanteil (EP).
- Bei der sekundären traumabezogenen strukturellen Dissoziation teilt sich die Persönlichkeit in einen ANP und mindestens zwei EPs auf. Bei chronischen interpersonellen Traumatisierungen kann sich die Persönlichkeit in eine große Anzahl von Persönlichkeitsanteilen teilen und verschiedene Schweregrade mit unterschiedlichen Symptom-Clustern hervorbringen. Der sekundären traumabezogenen strukturellen Dissoziation werden verschiedene psychische Störungen mit unterschiedlich ausgeprägten Erscheinungsformen und Schweregraden zugerechnet, z.B. komplexe posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS), komplexe Somatisierungsstörung, u.a., bis hin zur partiellen dissoziativen Identitätsstörung (pDIS).
- Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) als schwerster Ausprägungsgrad einer traumabezogenen Störung mit mehreren ANPs und mehreren EPs entspricht der tertiären traumabezogenen strukturellen Dissoziation. Das dissoziative innere System von PatientInnen mit Dissoziativer Identitätsstörung kann in einige Dutzend bis hin zu mehreren hundert Persönlichkeitsanteilen mit erkennbar eigenen Mustern von Identitätsempfinden, Reifegrad, Gedächtnis, Wahrnehmung, Affekten, kognitiven und motorischen Fähigkeiten, psychophysiologischen Reaktions- und Handlungsmustern fragmentiert sein.